176th Annual General Conference, April 2006

?Ich bin das Licht, das ihr hochhalten sollt?

Susan W. Tanner
JD-Pr?sidentin

Jede unserer kleinen christlichen Taten mag nur einen kleinen Lichtpunkt darstellen, in ihrer Summe aber haben sie eine deutliche Wirkung.

In der PV habe ich eine einfache Kreuzstichstickerei mit folgendem Spruch angefertigt: ?Ich werde das Licht des Evangeliums in mein Zuhause tragen.? Ich fragte mich: ?Was ist dieses Licht?? Als Jesus Christus die Nephiten belehrte, hat er das selbst am besten erkl?rt: ?Darum haltet euer Licht hoch, damit es der Welt leuchte.? Und dann stellte er klar: ?Ich bin das Licht, das ihr hochhalten sollt ? das, was ihr mich habt tun sehen.? (3 Nephi 18:24; Hervorhebung hinzugef?gt.)

Was hatten die Nephiten ihn tun sehen, und konnte ich das etwa auch bei mir zu Hause tun? Als das Volk von ihm w?nschte, er m?ge noch ein wenig l?nger bei ihm verweilen, hatte er Mitleid und blieb noch ein wenig. Er heilte sie, er betete mit ihnen, er unterwies sie, er weinte mit ihnen, er segnete ihre kleinen Kinder eines nach dem anderen, er speiste sie, er diente ihnen und lie? sie am Abendmahl teilhaben, damit sie den Bund eingehen konnten, immer an ihn zu denken. Er diente ihnen, indem er jeden Einzelnen unterwies und sich um ihn k?mmerte und indem er das Werk vollendete, das sein Vater ihm zu tun geboten hatte. An sich selbst dachte er ?berhaupt nicht. Seit ich dies wei?, bin ich mein Leben lang bestrebt, sein Licht durch selbstlose, christliche Taten in mein Zuhause zu bringen.

Das ist keine leichte Aufgabe. Ein gutes Familienleben findet meist wenig Anerkennung. Wahrscheinlich ist es einfacher, sich zu erheben und sein Licht leuchten zu lassen, damit es den Nationen ein Banner sei (siehe LuB 115:5; Hervorhebung hinzugef?gt), als dass unser Licht ein Banner f?r die eigene Familie ist. Manchmal sieht es niemand, wenn wir Gutes tun und unser Licht bei uns zu Hause leuchten lassen. Es liegt im Wesen des Menschen, dass man sich nach Lob und Aufmerksamkeit sehnt und danach strebt. Helaman ermahnt seine S?hne Nephi und Lehi, gute Werke zu tun wie die Vorfahren, nach denen sie benannt worden waren, und zwar ?nicht ?, um zu prahlen, sondern dass ihr dies tut, um euch einen Schatz im Himmel zu sammeln? (Helaman 5:8). Man soll gute Werke nicht in der Absicht tun, Anerkennung zu erlangen.

In seinem Buch Bleak House bezeichnet Charles Dickens die Schw?che einer seiner Figuren, einer Mrs. Jellyby, als ?teleskopische Menschenliebe?. Sie ist so sehr damit besch?ftigt, einem leidenden Volksstamm in einem fernen Land zu helfen, dass sie ihr zerschrammtes und schmutziges Kind abweist, das trostbed?rftig zu ihr kommt. Mrs. Jellyby will sichergehen, dass ihre guten Werke grandios sind und jeder sie sieht (siehe Charles Dickens, Bleak House, 1985, Seite 82?87). Vielleicht hilft so mancher lieber bei einem Hurrikan als daheim. Beides ist wichtig, aber es ist unsere vordringliche und ewige Aufgabe, zu Hause zu helfen. ?Die Eltern haben die heilige Pflicht, ihre Kinder in Liebe und Rechtschaffenheit zu erziehen, f?r ihre physischen und geistigen Bed?rfnisse zu sorgen.? (?Die Familie ? eine Proklamation an die Welt?, Liahona, Oktober 2004, Seite 49.)

Ich denke da an eine weitere Gestalt aus der Literatur, die so ziemlich das genaue Gegenteil der Figur ist, die Dickens beschreibt. Dorothea ist die Heldin eines meiner Lieblingsromane, Middlemarch. Am Ende des Buches beh?lt man sie wegen ihrer stillen, selbstlosen Taten f?r Angeh?rige und Freunde in Erinnerung. Dort hei?t es: ?Ihr ganzes Wesen ? war allein auf das ausgerichtet, was auf Erden kaum Ruhm einbringt. Aber wie sich ihr Wesen auf all ihre Mitmenschen auswirkte, lie? sich weder absch?tzen noch ?berblicken, denn die Zunahme des Guten in der Welt h?ngt teilweise von Taten ab, die nicht Geschichte schreiben, und dass bei dir und mir manches nicht so schlecht ist, wie es sein k?nnte, h?ngt zur H?lfte von denen ab, die im Verborgenen treu waren und deren Gr?ber niemand besucht.? (George Eliot, Middlemarch, Oxford University Press, Oxford 1986, Seite 682.)

Ihr Jungen Damen verbringt in diesen Jahren der Vorbereitung viel Zeit in der Schule oder bei der Arbeit, wo ihr Lob, Anerkennung, Preise, Auszeichnungen oder sonstige Troph?en bekommt. Wenn ihr aus diesem Stadium heraustretet und M?tter werdet, erlebt ihr einen drastischen R?ckgang an Anerkennung von au?en. Und doch findet man in keiner anderen Funktion mehr Gelegenheit, so selbstlos wie Christus zu dienen, als wenn man sich t?glich um hunderte k?rperliche, emotionale und geistige Bed?rfnisse k?mmert. Ihr werdet das Licht des Evangeliums in eure Familie bringen, und zwar nicht, um gesehen zu werden, sondern um aufzubauen ? um starke M?nner und Frauen voll Licht aufzubauen.

Zu Hause ist man ja unter sich, da zeigt man sich leider oft nicht von der besten Seite. Daheim benehmen wir uns manchmal am schlechtesten gegen?ber denen, die uns am wichtigsten sind. Ich erinnere mich noch ganz genau an einen Morgen, als ich 14 Jahre alt war. Bevor ich in die Schule ging, war ich zu meinen Eltern und Br?dern grob und unfreundlich gewesen. Nachdem ich das Haus verlassen hatte, war ich zum Busfahrer h?flich und zu meinen Mitsch?lerinnen freundlich. Mir fiel meine widerspr?chliche Handlungsweise auf, und ich hatte ein schrecklich schlechtes Gewissen. Ich bat den Lehrer, mich f?r ein paar Minuten zu entschuldigen, damit ich zu Hause anrufen konnte. Ich entschuldigte mich bei meiner Mutter f?r mein Verhalten und sagte ihr, wie lieb ich sie hatte und wie dankbar ich ihr war, und versprach, ihr das k?nftig besser zu zeigen.

F?r die meisten Leute ist es schwer, auch nur einen Tag lang in der Familie ohne Streit auszukommen. In den zweihundert Jahren, wo das Volk Nephi in einer vollkommenen Gesellschaft lebte, ?gab es im Land keinen Streit. Und es gab weder Neid noch Hader, noch Aufruhr, noch Hurerei, noch L?ge, noch Mord, noch irgendeine Art von Sittenverderbnis; und gewiss konnte es kein gl?cklicheres Volk unter allem Volk geben, das von der Hand Gottes erschaffen worden war.? (4 Nephi 1:15,16.)

Manch eine unter uns ist in eine Familie mit gro?en Schwierigkeiten hineingeboren worden. Doch selbst gute Familien stehen vor vielen Herausforderungen. Wir m?ssen uns bem?hen, zu Hause das zu tun, was Christus bei den Nephiten getan hat. In der Proklamation ?ber die Familie steht: ?Ein gl?ckliches Familienleben kann am ehesten erreicht werden, wenn die Lehren des Herrn Jesus Christus seine Grundlage sind.? (Liahona, Oktober 2004, Seite 49.) Wir m?ssen das Licht sein, das unserer Familie hilft, S?nde, Zorn, Neid und Streit zu ?berwinden. Wir k?nnen gemeinsam beten, miteinander weinen, einer des anderen Wunden heil machen, einander selbstlos lieben und einander dienen.

Ihr M?dchen bereitet euch jetzt darauf vor, euer zuk?nftiges Zuhause und eure zuk?nftige Familie zu st?rken, indem ihr das Licht des Evangeliums in euer jetziges Zuhause und eure jetzige Familie tragt. Das Kleine, scheinbar Unbedeutende, was ihr tut, kann viel bewirken. Ich habe gelesen, dass es in H?hlen in Neuseeland kleine Gl?hw?rmchen gibt, von denen jedes f?r sich nur einen unbedeutenden Lichtpunkt erzeugt. Wenn jedoch Millionen davon in der H?hle leuchten, erzeugen sie so viel Licht, dass man dort sogar etwas lesen kann. Jede unserer kleinen Taten stellt vielleicht auch nur einen Lichtpunkt dar, in ihrer Summe aber haben sie eine deutliche Wirkung. Heute Abend wird uns der Chor mit dem Lied ?Mein Licht? daran erinnern, wie wichtig es ist, dass wir unser kleines Licht leuchten lassen:

Mein Licht des Glaubens und Gebets
scheint hell, auch wenn es klein.
Es stammt vom Himmel und es strahlt
so hell wie der Sonnenschein.

?Verbirg es nicht, verbirg es nicht?,
so weist der Herr mich an.
?Lass scheinen hell dein kleines Licht,
dass jeder es sehen kann.?
Schein hell, schein hell, schein hell, klar und sch?n!
Schein hell, schein hell, lass alle Welt es sehn!
(Liederbuch f?r Kinder, Seite 96.)

Wir k?nnen unser Licht leuchten lassen, wenn wir auf unseren kleinen Bruder aufpassen, uns in der Schulkantine zu unserer Schwester setzen, im Haushalt mithelfen, Streitsucht ablegen, uns am Erfolg anderer erfreuen, S??igkeiten teilen, einen Kranken pflegen, unseren Eltern am Abend ein Wort des Dankes auf das Kissen legen, jemandem eine Kr?nkung vergeben, Zeugnis geben.

In Rum?nien habe ich die siebzehnj?hrige Raluca kennen gelernt, die sich vor kurzem der Kirche angeschlossen hat. Ihre Taufe war ein freudiger Anlass, denn auch ihre ganze Familie besuchte den Taufgottesdienst. Ihre Mutter und ihre Schwester versp?rten dort den Geist und wollten von den Missionaren unterwiesen werden. Dar?ber machte sich der Vater Sorgen, denn er f?rchtete, seine ganze Familie an diese fremdartige Kirche zu verlieren. Deswegen erlaubte er es nicht, und eine Zeit lang herrschte Uneinigkeit in der Familie. Doch Raluca dachte daran, dass sie bei der Taufe versprochen hatte, den Namen Jesu Christi auf sich zu nehmen. Sie bem?hte sich, sein Licht hochzuhalten, indem sie zu Hause das tat, was er getan h?tte. Sie war eine Friedensstifterin. Sie war ein Vorbild. Sie war eine Lehrerin. Sie brachte Heilung.

Schlie?lich wurde das Herz ihres Vaters erweicht, und er lie? zu, dass die anderen mehr ?ber die Kirche erfahren. Dann wurden auch sie getauft. Und zuletzt schloss sich der Vater zur Freude aller der Kirche an. Er sprach bei seiner Taufe und sagte, dass es in seiner Familie eine Zeit lang so war, als schl?gen im selben Haushalt zwei Herzen in unterschiedlichem Takt. Doch nun seien sie eins im Glauben und in der Taufe, und ihre Herzen seien in Einigkeit und Liebe miteinander verbunden. Er dankte den Missionaren und Mitgliedern, die ihnen geholfen hatten. Dann zollte er seiner Tochter Raluca besondere Anerkennung, denn sie hatte sich in dieser schwierigen Zeit wahrhaft christlich verhalten; er sagte, sie sei Friedensstifterin gewesen, habe Heilung gebracht, sei Lehrerin, Vorbild und das Licht gewesen, das schlie?lich die ganze Familie in die Kirche Jesu Christi gebracht hatte.

Wir alle haben ein Licht. Wenn ich heute Abend in eure Gesichter blicke und mir all die M?dchen vergegenw?rtige, die ich in aller Welt kennen gelernt habe, dann sehe ich eure Gesichter leuchten ? ?ja, wie die Gesichter von Engeln? (Helaman 5:36). So war es auch bei den S?hnen Helamans in einer Welt, die von der Finsternis der S?nde ?berschattet war ? die Gesichter Nephis und Lehis ?leuchteten ?ber die Ma?en? (Helaman 5:36). Die Umstehenden wollten auch dieses Licht haben und fragten: ?Was sollen wir tun, damit diese Wolke der Finsternis sich hebe und uns nicht mehr ?berschatte?? (Helaman 5:40.) Sie erfuhren, dass sie umkehren und an Jesus Christus glauben m?ssten. Als sie dies taten, zerteilte sich die Wolke der Finsternis, und sie wurden von Licht ? von einer Feuers?ule ? umschlossen und mit unaussprechlicher Freude erf?llt (siehe Helaman 5:43-45).

Wenn ihr euer Licht leuchten lasst, werden andere auch ein gr??eres Licht finden. Gibt es irgendjemanden, der euer Licht mehr braucht als eure Familie? Euch bemerkenswerte Junge Damen, deren Gesicht so strahlt, betrachte ich als die St?rke der Gegenwart und als die Hoffnung f?r die Zukunft sowohl in eurer Familie als auch in der Kirche.

Jesus Christus ist das Licht, das wir hochhalten m?ssen. ?Er ist das Licht, das Leben und die Hoffnung der Welt. Sein Weg ist der Pfad, der zum Gl?cklichsein hier auf der Erde und zu ewigem Leben in der k?nftigen Welt f?hrt.? (?Der lebendige Christus ? das Zeugnis der Apostel?, Liahona, April 2000, Seite 2f.) M?gen wir alle sein Licht leuchten lassen. Im Namen Jesu Christi. Amen.