176th Annual General Conference, April 2006

Die Wiederherstellung von allem

Pr?sident James E. Faust
Zweiter Ratgeber in der Ersten Pr?sidentschaft

Wir glauben, dass die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage eine Wiederherstellung der urspr?nglichen Kirche ist, die von Jesus Christus aufgerichtet wurde.

Als Mitglieder der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage liegt uns etwas an allen Kindern Gottes, die jetzt leben oder jemals auf der Erde gelebt haben. Die Erste Pr?sidentschaft hat im Jahre 1978 erkl?rt: „Unsere Botschaft zeugt von der besonderen Liebe und der Sorge um das ewige Wohlergehen aller M?nner und Frauen, ungeachtet ihrer Religion, Rassenzugeh?rigkeit oder Nationalit?t, weil wir wissen, dass wir als S?hne und T?chter desselben ewigen Vaters wahrlich Br?der und Schwestern sind.“1 Elder Dallin H. Oaks hat vor einigen Jahren erkl?rt:

„Die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage teilt mit anderen christlichen Kirchen viele Glaubensvorstellungen. Aber es gibt auch Unterschiede, und diese Unterschiede sind die Erkl?rung daf?r, warum wir anderen Christen Missionare schicken, warum wir au?er Kirchen auch Tempel bauen und warum unsere Glaubensvorstellungen uns so gl?cklich machen und uns die Kraft verleihen, uns den Herausforderungen des Lebens und des Sterbens zu stellen.“2

Ich m?chte heute von der F?lle des wiederhergestellten Evangeliums Jesu Christi Zeugnis ablegen, die die Glaubensvorstellungen anderer Konfessionen, sowohl der christlichen als auch der nichtchristlichen, erg?nzt. Diese F?lle wurde urspr?nglich vom Erretter kundgetan, als er auf der Erde war. Dann gab es jedoch einen Abfall vom Glauben.

Einige der fr?hen Apostel wussten, dass sich vor dem Zweiten Kommen des Herrn Jesus Christus ein Abfall ereignen w?rde. An die Thessalonicher schrieb Paulus bez?glich dieses Ereignisses: „Lasst euch durch niemand und auf keine Weise t?uschen! Denn zuerst muss der Abfall von Gott kommen.“3

Durch diesen Abfall gingen die Schl?ssel des Priestertums verloren, und einige kostbare Lehren der durch den Erretter aufgerichteten Kirche wurden ver?ndert, darunter die Taufe durch Untertauchen4; das Empfangen des Heiligen Geistes durch H?ndeauflegen5; das Wesen der Gottheit – sie besteht aus drei eigenst?ndigen Personen6; dass alle Menschen, die „Gerechten und Ungerechten“7, durch das S?hnopfer Jesu Christi auferstehen werden; fortdauernde Offenbarung – dass die Himmel nicht verschlossen sind8 – sowie die Tempelarbeit f?r die Lebenden und die Toten9.

Die Zeit danach wurde sp?ter als das finstere Mittelalter bekannt. Dieser Abfall vom Glauben wurde vom Apostel Petrus vorhergesehen, der erkl?rt hat, dass „[Jesus Christus] freilich der Himmel aufnehmen [muss] bis zu den Zeiten der Wiederherstellung von allem, die Gott von jeher durch den Mund seiner heiligen Propheten verk?ndet hat“.10 Eine Wiederherstellung ist aber nur dann vonn?ten, wenn kostbare Dinge wie diese verloren gegangen sind.

In den darauf folgenden Jahrhunderten erkannten gl?ubige M?nner, dass es in der von Jesus Christus aufgerichteten Kirche einen allm?hlichen Abfall vom Glauben gegeben hatte. Einige von ihnen mussten f?r ihre Ansichten, die im 16. Jahrhundert im Rahmen der Reformation das Christentum in der westlichen Welt reformieren sollten, sehr leiden. Dies f?hrte zur Abspaltung der protestantischen Kirchen von der christlichen Hauptkirche.

Unter diesen Reformatoren befand sich auch John Lathrop, Vikar der Kirche von Egerton im englischen Kent. ?brigens war der Prophet Joseph Smith ein Nachkomme John Lathrops. Im Jahr 1623 legte Vikar Lathrop sein Amt nieder, da er die Vollmacht der Anglikanischen Kirche, im Namen Gottes zu handeln, in Frage stellte. Bei seinem Bibelstudium stellte er fest, dass die apostolischen Schl?ssel nicht auf der Erde waren. 1632 wurde er Geistlicher in einer illegalen unabh?ngigen Kirche und wurde ins Gef?ngnis geworfen. Seine Frau starb, w?hrend er sich im Gef?ngnis befand, und seine nun zu Waisen gewordenen Kinder flehten den Bischof an, ihn freizulassen. Unter der Bedingung, dass John Lathrop das Land verlie?, willigte der Bischof ein. So geschah es auch, und John Lathrop wanderte mit 32 Mitgliedern seiner Gemeinde nach Amerika aus.11

Roger Williams, ein Pfarrer aus dem 17. Jahrhundert, der Rhode Island besiedelt hatte, weigerte sich, weiterhin als Pfarrer in Providence zu amtieren. Als Grund gab er an, es gebe „weder eine rechtm??ig gegr?ndete Kirche Christi auf Erden noch irgendjemanden, der befugt sei, ihre heiligen Handlungen zu vollziehen, und das k?nne es auch erst dann wieder geben, wenn das gro?e Oberhaupt der Kirche, auf dessen Kommen er wartete, neue Apostel sende“.12

Dies sind nur zwei Theologen, die einen Abfall von der Kirche, die Jesus Christus aufgerichtet hatte, und die Notwendigkeit f?r eine Wiederherstellung der verlorenen Schl?ssel des Priestertums erkannt hatten. Der Apostel Johannes sah in einer Vision die Zeit, in der „ein anderer Engel ? hoch am Himmel [flog]. Er hatte den Bewohnern der Erde ein ewiges Evangelium zu verk?nden, allen Nationen, St?mmen, Sprachen und V?lkern“.13 Diese Prophezeiung hat sich erf?llt. Da wir daran glauben, dass die F?lle des Evangeliums Jesu Christi durch den Propheten Joseph Smith in unserer Zeit wiederhergestellt worden ist, m?chten wir allen Menschen erm?glichen, diese Botschaft kennen zu lernen und sie anzunehmen.

In der wiederhergestellten Kirche gibt es heute Apostel, Propheten, Hirten, Lehrer und Evangelisten, so wie es Paulus den Ephesern erl?utert hat.14 Diese ?mter im Priestertum wurden vom Erretter eingef?hrt, als er seine Kirche in der Mitte der Zeiten aufrichtete. Wir erkennen die zwei Ordnungen des Priestertums und die ?mter, die es darin gibt, an: Das geringere Priestertum ist das nach Aaron benannte Aaronische Priestertum, und das h?here Priestertum ist das Melchisedekische Priestertum, das nach Melchisedek benannt wurde, dem Abraham Zehnten zahlte. Joseph Smith und Oliver Cowdery empfingen das Aaronische Priestertum aus den H?nden Johannes des T?ufers am 15. Mai 1829 und das Melchisedekische Priestertum daraufhin innerhalb eines Monats unter den H?nden der Urapostel Petrus, Jakobus und Johannes. Diejenigen, die dieses Priestertum besitzen, beanspruchen daher heute die Macht, im Namen Gottes durch das Priestertum zu handeln, wobei diese Macht sowohl auf der Erde als auch im Himmel Achtung verdient.15

Am 3. April 1836 erschien im Tempel von Kirtland Mose und ?bergab dem Propheten Joseph Smith und Oliver Cowdery die Schl?ssel zur Sammlung Israels. Danach „erschien Elias und ?bertrug die Evangeliumszeit Abrahams, [wonach] in uns und unseren Nachkommen ? alle Generationen nach uns gesegnet sein [w?rden]“.16 Dann erschien der Prophet Elija und ?bergab ihnen die Schl?ssel dieser Evangeliumszeit, welche die Siegelungsmacht einschlie?t, n?mlich im Himmel das zu binden, was auf Erden im Tempel gebunden wird.17 Propheten fr?herer Evangeliumszeiten haben also ihre Schl?ssel dem Propheten Joseph Smith in dieser letzten Evangeliumszeit – der „F?lle der Zeiten“ – ?berreicht, so wie Paulus es den Ephesern gegen?ber angek?ndigt hatte.18

Ich bin dankbar, dass der Herr es f?r angebracht hielt, das Gesetz des Zehnten und des Opferns f?r dieses Volk wieder einzuf?hren. Wenn wir das Gesetz des Zehnten halten, ?ffnen sich f?r uns die Schleusen des Himmels. Gro? ist der Segen, der auf diejenigen herabgesch?ttet wird, deren Glaube gro? genug ist, dass sie das Gesetz des Zehnten halten.

In der langen Geschichte der Welt ist ein wesentlicher Teil der Gottesverehrung der Heiligen schon immer der Gottesdienst im Tempel gewesen, durch den sie ihren Wunsch unter Beweis stellen, ihrem Sch?pfer n?her zu kommen. Als der Erretter auf der Erde war, war der Tempel f?r ihn ein Ort des Lernens – ein wichtiger Bestandteil seines Lebens. Die Segnungen des Tempels sind in unserer Zeit wieder vorhanden. Ein einzigartiges Merkmal der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage ist ihre Lehre bez?glich des Tempels und der ewigen Tragweite von allem, was darin geschieht. Unsere erhabenen und sch?nen Tempel sind heute ?berall auf der Erde zu finden. In ihnen wird die heiligste aller Arbeiten verrichtet. Pr?sident Gordon B. Hinckley hat ?ber diese Tempel Folgendes gesagt: „Es gibt nur wenige Orte auf der Erde, an denen die Menschheit auf Fragen ?ber das Leben Antworten erhalten kann, die in der Ewigkeit von Belang sind.“19 Die heiligen Geheimnisse im Zusammenhang damit, woher wir kommen, warum wir hier sind und wohin wir gehen, werden im Tempel ausf?hrlicher gel?ftet. Wir sind aus der Gegenwart Gottes hier auf die Erde gekommen, um uns vorzubereiten, in seine Gegenwart zur?ckzukehren.

Es ist von Bedeutung jenseits alles Irdischen, dass innerhalb der heiligen Mauern des Tempels Ehepaare B?ndnisse f?r die Ewigkeit schlie?en. Diese B?ndnisse werden mit der Priestertumsvollmacht gesiegelt. Kinder, die aus so einer Verbindung hervorgehen, k?nnen sich, sofern sie w?rdig sind, einer ewigen Beziehung als Teil einer Familie und als Kinder Gottes erfreuen. Wie der Apostel Johannes schrieb: „Wer sind diese, die wei?e Gew?nder tragen? ? [Sie] stehen vor dem Thron Gottes und dienen ihm bei Tag und Nacht in seinem Tempel.“20

Der Herr hat gesagt, es sei sein Werk, „die Unsterblichkeit und das ewige Leben des Menschen zustande zu bringen.“21 Daraus folgt, dass alle Menschen, ob lebend oder verstorben, die M?glichkeit haben m?ssen, das Evangelium entweder in diesem Leben oder in der Geisterwelt kennen zu lernen. Wie Paulus den Korinthern gesagt hat: „Wie k?men sonst einige dazu, sich f?r die Toten taufen zu lassen? Wenn Tote gar nicht auferweckt werden, warum l?sst man sich dann taufen f?r sie?“22 Dies ist der Grund, warum wir im Tempel heilige Handlungen f?r unsere verstorbenen Vorfahren vollziehen. Niemand wird um die M?glichkeit, zu w?hlen, oder um seinen freien Willen gebracht. Diejenigen, f?r die diese Arbeit getan wird, haben die Wahl, sie anzunehmen oder nicht.

Der Apostel Johannes hat in einer Vision die Zeit gesehen, in der ein Engel als Teil der Wiederherstellung des Evangeliums zur Erde kommen sollte. Dieser Engel war Moroni, der dem Propheten Joseph Smith erschienen ist. Er f?hrte Joseph zu dem Ort, wo die goldenen Platten lagen, die heilige Schrift aus einem vergangenen Zeitalter enthielten. Joseph Smith hat dann diese Platten durch die Gabe und die Macht Gottes ?bersetzt, und das Buch Mormon wurde ver?ffentlicht. Es ist dies ein Bericht von zwei Volksgruppen, die vor Jahrhunderten auf dem amerikanischen Kontinent gelebt haben. Ehe das Buch Mormon hervorkam, war nur wenig ?ber sie bekannt. Wichtiger ist jedoch, dass das Buch Mormon ein weiterer Zeuge f?r Jesus Christus ist. Es hat kostbare Wahrheiten in Bezug auf den Fall, das S?hnopfer, die Auferstehung und das Leben nach dem Tod wiederhergestellt.

Vor der Wiederherstellung war der Himmel jahrhundertelang verschlossen gewesen. Aber als es auf der Erde erneut Propheten und Apostel gab, tat sich der Himmel wieder auf, und Visionen und Offenbarungen wurden kundgetan. Viele der Offenbarungen, die der Prophet Joseph Smith empfangen hat, wurden in einem Buch, das Lehre und B?ndnisse genannt wird, niedergeschrieben. Dieses vermittelt tiefere Erkenntnisse ?ber die Grunds?tze und Verordnungen und ist eine wertvolle Quelle, was die Organisation des Priestertums betrifft. Dar?ber hinaus haben wir eine weitere kanonisierte heilige Schrift, n?mlich die K?stliche Perle. Sie enth?lt das Buch Mose, das dem Propheten Joseph Smith offenbart worden ist, und das Buch Abraham, das er von einer k?uflich erworbenen ?gyptischen Schriftrolle ?bersetzt hat. Aus diesen B?chern erfahren wir nicht nur einiges mehr ?ber Mose, Abraham, Henoch und andere Propheten, sondern auch viele weitere Einzelheiten ?ber die Sch?pfung. Wir erfahren, dass von Anbeginn an alle Propheten im Evangelium Jesu Christi unterwiesen wurden – schon seit den Tagen Adams.23

Wir glauben, dass die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage eine Wiederherstellung der urspr?nglichen Kirche ist, die von Jesus Christus aufgerichtet wurde und „auf das Fundament der Apostel und Propheten gebaut [ist]; der Schlussstein [ist] Christus Jesus selbst“.24 Sie ist keine Abspaltung von einer anderen Kirche.

Wir glauben, dass die F?lle des Evangeliums Christi wiederhergestellt worden ist, dies aber kein Grund daf?r ist, sich in irgendeiner Weise anderen Kindern Gottes ?berlegen zu f?hlen. Vielmehr erw?chst daraus eine gr??ere Verpflichtung, die Kernpunkte des Evangeliums Jesu Christi in unserem Leben zur Entfaltung zu bringen – zu lieben, zu dienen und f?r andere da zu sein. Tats?chlich glauben wir daran, wie die Erste Pr?sidentschaft 1978 erkl?rt hat, dass „die gro?en Religionsf?hrer der Welt wie Mohammed, Konfuzius und die Reformatoren und auch Philosophen wie Sokrates, Plato und andere einen Anteil am Licht Gottes empfangen haben. Ihnen wurden von Gott sittliche Wahrheiten kundgetan, um ganze V?lker zu erleuchten und jeden Einzelnen mit gr??erer Erkenntnis zu erf?llen“.25 Daher haben wir Achtung vor den aufrichtigen religi?sen ?berzeugungen anderer und sind dankbar, wenn uns dieselbe H?flichkeit und Achtung f?r die Lehren entgegengebracht wird, die uns so kostbar sind.

Ich habe ein pers?nliches Zeugnis von der Echtheit der B?ndnisse, der Lehren und der Vollmacht, die durch den Propheten Joseph Smith wiederhergestellt worden sind. Diese Gewissheit hat mich mein ganzes Leben lang begleitet. Ich bin dankbar, dass die Wiederherstellung der F?lle des Evangeliums in unserer Zeit erfolgt ist. Sie schlie?t den Pfad ein, der zum ewigen Leben f?hrt. M?gen die Kraft, der Frieden und die F?rsorge Gottvaters sowie die best?ndige Liebe und Gnade des Herrn Jesus Christus mit uns allen sein. Darum bete ich im Namen Jesu Christi. Amen.


Notes

  1. Erkl?rung der Ersten Pr?sidentschaft hinsichtlich Gottes Liebe zu allen Menschen, 15. Februar 1978
  2. Der Stern, Juli 1995, Seite 76
  3. 2 Thessalonicher 2:3, Hervorhebung hinzugef?gt
  4. Siehe Markus 1:9,10
  5. Siehe Apostelgeschichte 8:14-17; 19:3
  6. Siehe Matth?us 3:17, Apostelgeschichte 7:55; siehe auch LuB 130:22
  7. Apostelgeschichte 24:15
  8. Siehe Daniel 2:28, Amos 3:7, LuB 121:26
  9. Siehe Obadja 1:21, Maleachi 3:24, 1 Korinther 15:29, Offenbarung 7:15
  10. Apostelgeschichte 3:20,21
  11. Siehe Mark E. Petersen, The Great Prologue, 1975, Seite 34f.
  12. Siehe William Cullen Bryant, Hg., Picturesque America; or, the Land We Live In, 2 B?nde, 1872–1874, 1:502; siehe auch LeGrand Richards, A Marvelous Work and a Wonder, revidierte Ausgabe, 1966, Seite 29
  13. Offenbarung 14:6
  14. Siehe Epheser 4:11
  15. James E. Talmage, Articles of Faith, 1924, Seite 204
  16. LuB 110:12
  17. Siehe LuB 110:13-16
  18. Siehe Epheser 1:10
  19. „Why These Temples?“, Temples of The Church of Jesus Christ of Latter-day Saints, 1999, Seite 14
  20. Offenbarung 7:13,15
  21. Mose 1:39
  22. 1 Korinther 15:29
  23. Siehe Mose 5:58, 8:19; Abraham 2:10,11
  24. Epheser 2:20
  25. Erkl?rung der Ersten Pr?sidentschaft, 15. Februar 1978